Stress ist nicht gleich Stress: Wenn aus Anspannung Erschöpfung wird

„Ich bin nur noch müde.“
„Eigentlich müsste ich mich einfach mal richtig erholen.“
„Früher habe ich das alles problemlos geschafft.“
„Ich funktioniere noch – doch irgendwie ist die Kraft weg.“

Solche Sätze höre ich in meiner Praxis immer wieder. Häufig fällt irgendwann auch der Begriff Nebennierenschwäche. Die Betroffenen haben oft schon länger das Gefühl, dass ihr Körper Belastungen nicht mehr so gut wegsteckt wie früher.

Doch was passiert eigentlich, wenn Stress über längere Zeit anhält? Und warum scheint der eine Mensch auch intensive Belastungsphasen gut zu verkraften, während ein anderer irgendwann das Gefühl hat: Ich kann nicht mehr?

Stress ist zunächst etwas ganz Normales

Stress hat einen ziemlich schlechten Ruf. Dabei ist unsere Stressreaktion zunächst ein ausgesprochen sinnvolles System.

Wenn eine Herausforderung auftaucht, stellt unser Körper innerhalb kürzester Zeit Energie zur Verfügung. Der Sympathikus wird aktiviert, Stresshormone werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atmung verändern sich und unsere Aufmerksamkeit steigt.

Wir sind bereit zu handeln.

Bei kurzfristigem Stress ist genau das erwünscht. Es gibt eine Herausforderung, wir reagieren darauf – und anschließend kann der Körper wieder zur Ruhe kommen.

Idealerweise entsteht ein Wechsel:

Aktivierung → Handlung → Entspannung → Regeneration.

Nicht die Stressreaktion an sich ist also das Problem. Wichtig ist, dass wir anschließend auch wieder aus ihr herausfinden.

Unser Körper will handeln – wir bleiben sitzen

Einen interessanten Gedanken dazu ist: Unsere Stressreaktion ist ursprünglich eng mit körperlicher Aktivität verbunden. Bei einer akuten Gefahr musste gehandelt werden: kämpfen, fliehen, laufen.

Heute erleben wir viele unserer Stresssituationen vollkommen anders.

Wir lesen eine unangenehme Nachricht und sitzen am Schreibtisch. Wir machen uns Sorgen und liegen nachts im Bett. Wir geraten unter Zeitdruck und sitzen im Auto. Wir ärgern uns über jemanden und bleiben trotzdem freundlich im Meeting.

Der Körper ist aktiviert – doch wir bewegen uns nicht.

Deshalb kann es nach kurzfristigen Belastungen hilfreich sein, tatsächlich in Bewegung zu kommen: spazieren gehen, laufen, Sport treiben, tanzen, im Garten arbeiten oder auch singen. Es geht nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern darum, der Aktivierung auch körperlich etwas entgegenzusetzen.

Danach braucht der Organismus die andere Seite: Ruhe, Schlaf, Erholung und Regeneration.

Eustress und Dysstress: Nicht jeder Stress macht uns fertig

Stress kann sich sogar ausgesprochen gut anfühlen.

Vielleicht kennen Sie das vor einer Reise, einem wichtigen Ereignis oder bei einem Projekt, für das Sie brennen. Man ist aufgeregt, schläft vielleicht etwas weniger und hat unglaublich viel zu tun – und trotzdem ist Energie vorhanden.

Das wird häufig als Eustress bezeichnet.

Wir erleben eine Herausforderung, fühlen uns ihr jedoch gewachsen. Die Aktivierung hilft uns. Wir sind aufmerksam, konzentriert, motiviert und vielleicht sogar besonders kreativ.

Beim Dysstress verändert sich etwas.

Wir erleben eine Situation zunehmend als überfordernd, bedrohlich oder nicht kontrollierbar. Wir haben nicht mehr das Gefühl: Das ist anstrengend, doch ich bekomme das hin.

Stattdessen wird daraus irgendwann:

Wie soll ich das alles schaffen?

Und damit wird unser Handlungsspielraum immer kleiner.

Was passiert bei Langzeitstress?

Schwierig wird es, wenn die nächste Belastung beginnt, bevor die vorherige wirklich vorbei ist.

Der Arbeitstag war anstrengend, zu Hause wartet das nächste Problem. Nachts kreisen die Gedanken. Am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.

Vielleicht funktioniert das über Wochen, Monate oder sogar Jahre erstaunlich gut.

Wir kompensieren.
Wir organisieren.
Wir reißen uns zusammen.
Wir machen weiter.

Doch ausreichende Phasen von Entspannung und Regeneration fehlen.

Lang anhaltender Stress kann sich auf viele Bereiche auswirken. Schlaf und Konzentration können sich verändern, die Belastbarkeit kann abnehmen, manche Menschen werden reizbarer oder unruhiger. Andere erleben zunehmend eine ausgeprägte Müdigkeit und Erschöpfung.

Und manchmal passiert noch etwas anderes.

Wenn aus „Ich muss“ irgendwann „Ich kann nicht“ wird

Bei Stress denken wir häufig an einen Menschen, der hektisch, nervös und ständig in Bewegung ist.

Langzeitstress kann jedoch irgendwann ganz anders aussehen.

Nach einer langen Phase des Durchhaltens kommt ein Punkt, an dem selbst kleine Dinge unglaublich anstrengend erscheinen.

Entscheidungen fallen schwer.
Der Kopf fühlt sich leer an.
Man sitzt vor einer Aufgabe und weiß nicht, wo man anfangen soll.
Probleme, die man früher einfach gelöst hätte, wirken plötzlich riesig.

Manche Menschen beschreiben diesen Zustand wie eine innere Lähmung.

Damit ist keine körperliche oder neurologische Lähmung gemeint. Es ist das Gefühl, die eigene Handlungsfähigkeit verloren zu haben.

Aus: „Ich muss das noch schaffen.“

wird: „Ich weiß nicht mehr, wie ich das schaffen soll.“

Und schließlich vielleicht: „Ich kann nicht mehr.“

Erschöpfung ist nicht immer dasselbe

Genau deshalb lohnt es sich, bei Erschöpfung genauer hinzusehen.

„Ich kann nicht mehr“ kann bedeuten:

Ich habe körperlich keine Kraft mehr.

Es kann heißen: Mein Kopf funktioniert nicht mehr richtig.

Oder: Ich möchte einfach nur meine Ruhe haben.

Vielleicht lautet die eigentliche Aussage auch: Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.

Oder sogar: Ich erledige noch alles – ich fühle mich dabei nur vollkommen leer.

Das sind sehr unterschiedliche Zustände.

Und deshalb reicht es nicht, nur festzustellen: Dieser Mensch hat Stress und ist erschöpft.

Viel interessanter ist die individuelle Geschichte dahinter.

Und was haben die Nebennieren damit zu tun?

Unsere Nebennieren sind an der körperlichen Stressreaktion beteiligt. Im Nebennierenmark werden Adrenalin und Noradrenalin gebildet. Die Nebennierenrinde produziert unter anderem Cortisol.

Deshalb werden Stress und Erschöpfung häufig mit den Nebennieren in Verbindung gebracht.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.

Der populäre Begriff „Nebennierenschwäche“ oder „Adrenal Fatigue“ beschreibt die Vorstellung, dass die Nebennieren durch lang anhaltenden Stress irgendwann erschöpfen und nicht mehr ausreichend Hormone produzieren.

Davon zu unterscheiden ist die echte Nebenniereninsuffizienz. Dabei besteht tatsächlich ein Mangel an bestimmten Hormonen der Nebennierenrinde. Das ist eine medizinisch diagnostizierbare Erkrankung, die ärztlich behandelt werden muss.

Die Beschwerden, wegen derer Menschen nach dem Begriff „Nebennierenschwäche“ suchen, können trotzdem sehr real sein.

Und gerade deshalb sollten wir sie nicht vorschnell mit einem Etikett erklären.

Vielleicht sollten wir eine andere Frage stellen

Statt nur zu fragen: „Sind meine Nebennieren erschöpft?“

finde ich andere Fragen häufig viel interessanter: Seit wann fühle ich mich so?

Was ist dieser Veränderung vorausgegangen?
Kann ich nach Belastungen noch abschalten?
Erholt mich mein Schlaf?
Was gibt mir Energie – und was kostet mich unverhältnismäßig viel Kraft?
Kann ich noch Entscheidungen treffen und Dinge gestalten?

Und vor allem:

Was konnte ich früher noch, was heute nicht mehr geht?

Denn Erschöpfung ist zunächst ein Symptom – keine Erklärung.

Und ein Symptom kann sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Deshalb beginnt eine sinnvolle Behandlung für mich nicht mit einem Etikett, sondern mit einem möglichst genauen Blick auf den Menschen und seine individuelle Situation.

Gesundheit beginnt mit genauem Hinsehen.

Sie fühlen sich seit längerer Zeit erschöpft oder deutlich weniger belastbar als früher?

In meiner Praxis schauen wir nicht nur auf einzelne Symptome, sondern auf deren Zusammenhang und Entwicklung.

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